Maui, Hawaii, Sonntag , den 18.
Dezember
Martina kam heute früh in weinend zum
Frühstück. Sie hatte gerade auf ihre tschechische Website geschaut und
erfahren, dass Vaclav Havel ein paar Stunden zuvor gestorben war. Ich bin kein
Tscheche, aber als ich die Nachricht hörte, hatte ich das Gefühl, ich könnte
einer sein. Vor einigen Monaten dachte ich, ein wenig unverbindlich, dass ich
ihn gerne mal treffen würde. Ich bin jetzt oft genug in Prag, ich hätte es
schon versuchen können. Ich wusste nicht, dass die Zeit schon so kurz war. Er
ist heute früh im Schlaf gestorben und sicherlich früher als es der Fall
gewesen wäre, wenn er es nicht gewagt hätte, sich gegen die sowjetischen
Besatzung seines Landes zu wehren. Er war ein Dramatiker, der Präsident der Tschechoslowakei
und später der neuen Tschechischen Republik wurde, weil er geliebt wurde.
Ist das nicht erstaunlich! Keine
politische Herumtaktiererei, keine Geschäftemacherei, kein künstliches Image,
kein Streben nach Macht. Nur ein Mann, der seine Liebe zur Wahrheit und zur
Freiheit mit einer seltenen Courage und Hingabe lebte, die sein Land aus dem
Gefängnis des Kommunismus führen konnte und das alles ohne Blutvergießen! Als
die Samtene Revolution die Tschechoslowakei ihrem eigenen Volk zurück gab,
wurde er gebeten ihr Präsident zu werden. Jahre später sagte er zu David Frost,
dass das die schwerste Entscheidung war, die er jemals getroffen hatte.
Ich stelle mir vor, dass Vaclav Havel
die Präsidentschaft auch ein bisschen als Gefängnis empfunden hat. Das war
nicht die Rolle, die er für sich selbst gewählt hätte, obwohl er natürlich
alles tat um ihr gerecht zu werden. Vielleicht hatte er sie angenommen um seine
Landsleute anzuregen, wieder lebendig zu werden, die Apathie abzuschütteln, mit
der Menschen ihre Verzweiflung betäuben, wenn alles hoffnungslos zu sein
scheint. Er wollte, dass das tschechische Volk seine Hoffnung wieder findet. Er
hatte seine nie verloren und darin lag seine Magie. Sie entsprang einem tiefen
Verständnis. „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut wird, sondern
die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal wie es wird.“
13 Jahre später trat er am Ende seiner
zweiten Amtszeit als Präsident der tschechischen Republik zurück. Seine
Entscheidung diese seelenlose Politikmaschine zu verlassen macht ihn noch
liebenswerter. Für Havel selbst war der Abschied aus der Politik sichtlich eine
wirkliche Befreiung. Er war glücklich, dass er zum Schreiben zurückkehren
konnte und für den Rest seines Lebens gab er seiner Hoffnung Ausdruck, indem er
Aktivisten für die Menschenrechte rund um die Welt unterstützte. Es war
abzusehen, dass die Präsidentschaft, die er verlassen hatte, der mittelmäßigen
Rechthaberei anheim fiel, die heute die Tschechische Republik regiert. Am
nächsten Freitag werden die Führer vieler Nationen seiner Beerdigung in Prag
beiwohnen. Ich frage mich, wie viele von ihnen dabei sind, die nach Havels
Leitmotiv leben, „Wahrheit und Liebe müssen über Lügen und Hass siegen“.
Martina und ich haben an diesem Morgen
einige Zeit über diesen Mann meditiert, den ich wie einen unbekannten Freund
empfinde. Ich glaube, dass ist das, wie ihn viele Menschen in der ganzen Welt
erleben. Dann schaute ich ins Internet, um zu sehen, was in Prag geschieht -
der Wenzelsplatz war voll mit Männern, Frauen und Kindern, die gekommen waren,
um Kerzen anzuzünden und ihm die Ehre zu erweisen. Dieser Anblick erinnerte
mich an ein Zitat von Shakespeare. Ein Dramatiker spricht zum anderen:
„ Sanft war sein Leben, und so
mischten sich
Die Element' in ihm, daß die Natur
Aufstehen durfte und der Welt
verkünden:
Dies war ein Mann!
“
Im Angesicht des Todes von Vaclav
Havel beten wir für ihn und ich kann mir das Abschiedsgebet seiner Seele für
uns vorstellen: Ich höre ihn sanft fragen: „Könntet Ihr bitte lernen das zu
leben, wofür Ihr mich geliebt habt?“The Art of Being

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