Donnerstag, 6. Mai 2010

Seele, Sehnsucht, Schönheit und Sein

Je weiter ich dieses Leben durchlaufe, umso mehr wächst die Erkenntnis, dass ich vor allem ein Lernender bin und immer sein werde. Es gefällt mir so – immer der Existenz zu begegnen, als wäre sie ein neues Ereignis, ein endlose Folge von Augenblicken, die ich nie zuvor erlebt habe. In dieser Gegenwart! Der Zen-Priester Shunryu Suzuki sprach von „Zen-Geist, Anfänger-Geist“. Genau das meine ich.

Anfänger-Geist klingt dünn, wenn du es nur mit deinem Verstand hörst. Zen – es könnte ebenso Tao oder Tantra oder Mystik sein – versetzt es in eine andere Dimension. Verstand und Seele sind miteinander verwoben. Wenn deine Seele zuhört, lebt dein Verstand im Wunder. Ohne Seele ist der Verstand lediglich ein Rechner, mehr oder weniger clever, aber frei von Inspiration. Deshalb bedeutet unsere Präsenz nur wenig, wenn unsere Seele nicht dabei ist. Und es gibt nichts, wonach sich unsere Seele mehr sehnt, als zu unserem Hier und Jetzt zu gehören – immer wieder am Wunder des Seins teilzuhaben, sich immer wieder für das neue entstandene Mysterium zu öffnen. Ein Anfänger-Geist ist reich an Seele.

Aber was für eine Reise, um zum Anfang zu gelangen! Wie sehr wir wachsen müssen! Wie viel wir in uns öffnen müssen, loslassen, uns hingeben, erwachen ... damit wir wirklich hier sein können, zuhause in unserer Natur, in Freundschaft mit unseren Gefühlen, offen im Herzen. Und unsere Seele hält uns ständig in Verbindung mit dem Geist, der alles durchdringt, was ist. Wenn das der Fall ist, brauchen wir nicht an Gott zu glauben. Unsere Erfahrung macht den Glauben überflüssig. Unsere Seele ist sich des unfassbaren Mysteriums des Geistes gewahr und lässt es in jedes gewöhnliche Ereignis ein, wie belanglos auch immer es sein mag. In jedem Augenblick atmen wir Ewigkeit.

Das ist mystische Präsenz. Es ist ein gleichermaßen bodenständiger wie hochfliegender Zustand. „Wurzeln und Flügel“, pflegte Osho zu sagen. Unsere echte Präsenz enthält unsere wahre Intelligenz und unseren größten Erfindungsreichtum. Alles, was wir je erfahren haben, alles, was wir gelernt haben, ist eingeschlossen. Auf diese Weise wird unser Anfänger-Geist mit der Zeit ein weiser Anfänger-Geist. Für jeden von uns gibt es Fehler, die wir immer wieder wiederholen, und solche, die wir nur ein- oder zweimal machen müssen – bis sich etwas in unserem Dasein verwandelt hat, so dass wir auf andere Weise auftreten. Das verstehe ich unter echtem Lernen: Wir begegnen der Gegenwart auf eine andere Art, weil das Lernen etwas in unserem Wesen verändert hat.

Und Schönheit! Es ist unsere lebendige Seele in unserem Wesen, die das Leben schön macht. Es ist auf traurige Weise faszinierend, wenn ich sehe, wie viele Menschen sich selbst oder ihrem Leben nicht erlauben, schön zu sein. Ich spreche nicht von den oberflächlichen Tricks der Schönheitsindustrie. Ich meine die Schönheit, die wir auf natürliche Weise lieben und für sie sorgen, wenn unsere Seele wach und aufmerksam ist. Wenn die Seele präsent ist, dann ist auch die Schönheit da. Einer der berührendsten und bewegendsten Aspekte beim Leiten von Art of Being-Workshops ist in all den Jahren für mich das Privileg gewesen, Zeuge des Moments zu sein, in dem plötzlich – und immer unerwartet – jemand erlaubt, seine Seele in sein Dasein hineinfließen zu lassen. Wenn sich Schönheit ereignet, berührt sie jeden. Dazu ist Schönheit da! Sie nährt die Seele in der Existenz, damit der Geist gespürt und gefeiert werden kann.

Tief unten, ganz gleich, wie sehr wir uns verschlossen haben, muss unsere Seele sich danach sehnen, ins Licht unseres Tages eingelassen zu werden. Sie verzehrt sich danach, unsere Tage und Nächte mit ihrem Licht zu inspirieren. Ich glaube, es ist die tiefste Sehnsucht in allen Wesen. Alles, worauf wir warten, ist unsere eigenen Erlaubnis, hier und jetzt zu sein. Diese Erlaubnis zu erhalten ist unsere Odyssee, unsere persönliche Reise der Öffnens und Erwachens. Es ist eine sehr mysteriöse Reise, weil ihr Ziel ist, die Reise zu lieben.

© Alan Lowen
Übersetzung: Susann Pásztor